»Die Pandemie ist – nicht – zu Ende …« – Von der Post-Corona-Gesellschaft in den totalitären Reset? (Teil I)

Bernd Schoepe

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Teil I: Die Post-Covid-Zeit – Annäherungen an ein merkwürdiges Interregnum*

Rie­sen­haf­te his­to­ri­sche Ver­än­de­run­gen wer­den gewöhn­lich nicht erkannt, wäh­rend sie vor sich gehen.

Erwin Char­gaff (1905 – 2002)

Es gibt drei Arten von Men­schen: die­je­ni­gen, die sehen, die­je­ni­gen, die sehen, was ihnen gezeigt wird, und die­je­ni­gen, die nicht sehen.

Leo­nar­do da Vinci

Unter dem unnach­gie­bi­gen Vor­stoß sich beschleu­ni­gen­der Über­be­völ­ke­rung und zuneh­men­der Über­or­ga­ni­sie­rung und mit­tels immer wirk­sa­me­rer Metho­den der Gehirn­ma­ni­pu­la­ti­on wer­den die Demo­kra­tien ihr Wesen ver­än­dern; die wun­der­lich alt­mo­di­schen Gebräu­che – Wah­len, Par­la­men­te, Ver­fas­sungs­ge­richts­hö­fe und alles übri­ge – wer­den blei­ben, aber die zugrun­de­lie­gen­de Sub­stanz wird eine neue Art von gewalt­lo­sem Tota­li­ta­ris­mus sein. (…) Die Ver­fas­sun­gen wer­den nicht wider­ru­fen und die guten Geset­ze nicht aus dem Gesetz­buch gestri­chen wer­den; aber die­se libe­ra­len For­men wer­den bloß dazu die­nen, eine zuin­nerst illi­be­ra­le Sub­stanz zu mas­kie­ren und zu ver­zie­ren. (…) All die tra­di­tio­nel­len Namen, alle die gehei­lig­ten Losungs­wor­te wer­den genau die blei­ben, die sie in der guten alten Zeit waren. Demo­kra­tie und Frei­heit wer­den das The­ma jeder Rund­funk­sen­dung und jedes Leit­ar­ti­kels sein – aber Demo­kra­tie und Frei­heit in dem Sinn, den ihnen der Spre­cher oder Schrei­ber geben wird. Mitt­ler­wei­le wer­den die herr­schen­de Olig­ar­chie und ihre gut­ge­drill­te Eli­te von Sol­da­ten, Poli­zis­ten, Gedan­ken­ver­fer­ti­gern und Gehirn­ma­ni­pu­la­to­ren hübsch still das gan­ze Werk so lau­fen las­sen, wie es ihnen passt.

Aldous Hux­ley, Wie­der­se­hen mit der schö­nen Neu­en Welt (1958), Mün­chen 1987, S.119.

I Versuch einer dichten Beschreibung: Sondieren der Ausgangslage

Para­do­xer­wei­se ist es der rela­ti­ven Harm­lo­sig­keit der Omi­kron-Vari­an­te geschul­det, d.h. dem durch ihre Ver­brei­tung her­vor­ge­ru­fe­nen recht unspek­ta­ku­lä­ren Ende, den der Pan­de­mie-Not­stand in die­sem Früh­jahr (vor­erst) – mit dem Son­der­fall Chi­na und einer spe­zi­el­len Aus­nah­me bezüg­lich der Län­der Deutsch­land und Öster­reich – gefun­den hat, dass sich die Ereig­nis­se mit Ein­tritt in die Post­pan­de­mie-Pha­se kei­nes­wegs beru­higt haben. Viel­mehr ist im Gegen­teil fest­zu­stel­len, dass sich die Ereig­nis­se seit­dem zu über­schla­gen begon­nen haben. Und das obgleich die meis­ten von ihnen öffent­lich nur wie hin­ter Milch­glas­schei­ben erscheinen.

Da die Kon­zi­li­en der Glo­bal Gover­nan­ce (1) weit­ge­hend von der media­len Öffent­lich­keit abge­trennt tagen, fällt – ein wei­te­res Para­dox – das Heiß­lau­fen der Bera­tungs- und Ent­schei­dungs­ma­schi­nen der Glo­bal Gover­nan­ce die­ser Tage – der Mehr­heit kaum bis gar nicht auf. Das hat sei­ne Ursa­che zum einen dar­in, dass der »krea­ti­ve Kapi­ta­lis­mus von Gates und der Sta­ke­hol­der-Kapi­ta­lis­mus von Schwab ein gemein­sa­mes Kon­zept« haben, »dass (…) dazu dient, die Macht­struk­tu­ren unsicht­bar zu machen« (2). Ande­rer­seits liegt es dar­an, dass die Mehr­heit in ihrer mas­sen­me­dia­len Fil­ter­bub­ble gefan­gen bleibt, dank Pro­pa­gan­da wei­ter ein­ge­seift und auch durch kogni­ti­ve Dis­so­nan­zen vom eige­nen Sehen abge­hal­ten wird. Die­se media­le Bla­se, die in meh­rer­lei Hin­sicht einem Gefäng­nis ähnelt (man muss dafür nicht gleich an das Höh­len­gleich­nis Pla­tons erin­nern, auch wenn es uns auch nach über 2000 Jah­ren die Pro­ble­me des Sehens, Nicht-Sehens und Zei­gens höchst anschau­lich vor Augen führt (3)), ist auch ver­ant­wort­lich für das dif­fu­se Bild, das die Post­pan­de­mie-Pha­se abgibt – eine vexier­ar­ti­ge, schwer scharf­zu­stel­len­de Gestalt, die den Ein­druck ver­mit­telt, dass, wie gesagt, alles wie hin­ter Milch­glas ver­bannt erscheint.

Wie kommt der die Wahr­neh­mung beein­träch­ti­gen­de Milch­glas­ef­fekt zustan­de? Er hängt mit der Asyn­chro­ni­zi­tät der Gescheh­nis­se und Pro­zes­se zusam­men, die zwi­schen der Vor­der- und der Hin­ter­büh­ne der poli­ti­schen Geschäf­tig­keit ablau­fen. Sie wer­den nach außen hin schlicht anders »ver­klei­det«. Wäh­rend die Vor­der­büh­ne vom Ver­such bestimmt wird »die gesell­schaft­li­chen Kräf­te auf Zeit­lu­pe geschal­tet in ein Wei­ter so zu drän­gen, um das Jetzt künst­lich zu ver­län­gern, (…) den Bruch zu ver­mei­den und (…) den Über­gang (in die Frei­heit, Anm. B.S.) zu ver­hin­dern« (4), wie das Milosz Matu­schek kürz­lich tref­fend beschrie­ben hat, wird hin­ten zuneh­mend for­cier­ter und hek­ti­scher an ver­schie­de­nen Stell­schrau­ben gedreht, um die Len­kungs­ab­sich­ten und Inter­ven­tio­nen der Gover­nan­ce an die jüngst aus dem Ruder lau­fen­den Ent­wick­lun­gen anzu­pas­sen und mög­lichst neu- und nach zu jus­tie­ren. Alles mit dem Ziel, die hyper­glo­ba­lis­ti­schen Agen­da-Zie­le (5) doch noch errei­chen zu kön­nen. Die den ers­ten his­to­risch-prak­ti­schen Anwen­dungs­fall von Glo­bal Gover­nan­ce (6) im gro­ßen, welt­um­span­nen­den Stil beglei­ten­de, höchst selek­ti­ve und zu 95% affir­ma­ti­ve Bericht­erstat­tung in den Leit­me­di­en, ver­ord­ne­te von Beginn an die »Dis­kurs­ver­mei­dung im öffent­li­chen Raum« (Matu­schek) und konn­te sie im Fol­gen­den nahe­zu lücken­los auf­rich­ten: Jede kri­ti­sche Nach­fra­ge, die ans Regie­rungs­han­deln gerich­tet und jeder Zwei­fel am flugs ver­brei­te­ten und für sakro­sankt erklär­ten Pan­de­mie-Nar­ra­tiv wur­den von Anfang an – so als sei gleich­zei­tig über­all auf einen Knopf gedrückt wor­den – unter­drückt, tot­ge­schwie­gen, mar­gi­na­li­siert oder mit Macht in Miss­kre­dit gebracht (7).

Wolf­gang Wodarg berich­tet exem­pla­risch davon aus der Früh­zeit der Pan­de­mie (März 2020) in sei­nem Buch Fal­sche Pandemien:

Mein Life-Chat im ZDF im Anschluss an die Fron­tal-21-Sen­dung vom 10.03.2020, bei der ich ver­such­te der erkenn­ba­ren Panik­ma­che ent­ge­gen­zu­wir­ken, war weni­ge Wochen auf der Face­book-Sei­te des ZDF noch anzu­hö­ren und hat­te Hun­dert­tau­sen­de von Klicks. Als er ent­fernt wur­de, schick­te mir jemand einen Face­book-Bei­trag zu, in dem sich ein Schwei­zer IT-Unter­neh­mer und Grü­ner Poli­ti­ker, der frü­her als exter­ner Bera­ter für die Fir­ma Roche gear­bei­tet hat­te, damit rühm­te, die Löschung mei­nes Chats beim ZDF bewirkt zu haben. (8)

Ins­ge­samt leis­tet das Agen­da-Set­ting (die inter­nen Grün­de für die Nach­rich­ten­aus­wahl) der Leit­me­di­en in der Nach­be­rei­tung der »größ­ten Kri­se seit 1945« (Ange­la Mer­kels self­ful­fil­ling pro­phe­cy; die Poli­tik hat sie erst dazu gemacht) gan­ze Arbeit durch – ein wei­te­res Para­dox – fort­ge­setz­te Arbeits­ver­wei­ge­rung. Der Jour­na­lis­mus macht ein­fach sei­nen Job nicht mehr. Statt­des­sen wird er für sei­ne Unter­stüt­zung als Ein­wei­ser und Laut­spre­cher der Glo­bal Gover­nan­ce-Agen­da zum Auf­bau einer »Neu­en Welt­ord­nung« (NWO) ent­lohnt. Auch auf die­sem Gebiet tut sich der gro­ße »Phil­an­throp« Bill Gates 9 neben dem Sub­ven­ti­ons­staat, dem dadurch eine durch­aus neue und spe­zi­el­le Rol­le zuteil wird, beson­ders her­vor. Der Sub­ven­ti­ons- und Lob­by­staat avan­cier­te wäh­rend der Coro­na-Zeit durch mas­si­ve PR in Sachen Imp­fung und Impf­kam­pa­gne zum wich­tigs­ten Anzei­gen­kun­den der Zei­tungs­ver­la­ge. Die Ver­brei­tung der Staats-PR im Dienst der Phar­ma­lob­by wur­de als drin­gend not­wen­di­ge Finanz­sprit­ze für die vom Über­le­bens­kampf schwer gebeu­tel­ten »sys­tem­re­le­van­ten« Print­me­di­en dank­bar ange­nom­men. Effekt: Die Main­stream­pres­se ver­zeich­net in Fol­ge von Coro­na einen wei­te­ren Auf­la­gen­schwund (obwohl nahe­zu alle Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten tüch­tig dage­gen anschrie­ben…) und erlei­det Anzei­gen­rück­gän­ge, wäh­rend alter­na­ti­ve Medi­en­an­ge­bo­te ihre Nut­zer­zah­len im glei­chen Zeit­raum stark erhö­hen konnten.

Dar­in spie­gelt sich wider, was der Phi­lo­soph und Finanz­ma­the­ma­ti­ker Nas­sim Nicho­las Tal­eb so aus­ge­drückt hat:

Eine Mei­nung, die nichts ris­kiert, ist nicht wert, dass man sie äußert.« Guter Jour­na­lis­mus wür­de sich die­ses Aper­çu weit eher zu eigen machen als die Rol­le über­neh­men zu wol­len, Laut­spre­cher für die Mäch­ti­gen zu sein. Wären da nicht die Eigen­tums­ver­hält­nis­se, die Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on und die Kri­se auch und gera­de auf dem »Mei­nungs­markt«. Der kon­di­tio­nier­te Reflex, der durch das Coro­na-Virus auf die Spit­ze getrie­ben wur­de, folg­te nicht dem Ethos »guter Jour­na­lis­mus«, son­dern dem Geschäfts­mo­dell, das am lukra­tivs­ten erschien: »Manu­fac­tu­ring Con­sent« (Noam Chom­sky) – und sei es mit dem Holz­ham­mer oder den Mit­teln schwar­zer Päd­ago­gik – statt Geor­ge Orwells: »Jour­na­lis­mus bedeu­tet etwas zu brin­gen, was ande­re nicht wol­len, dass es ver­öf­fent­licht wird.

II Zur Intention und Anlage des Texte

Homo sem­per tiro: der Mensch ist immer ein Ler­nen­der, die Welt ist ein Ver­such, und der Mensch hat ihm zu leuchten.

Ernst Bloch

Die­ser Text ver­sucht einen genaue­ren Blick auf die noch dif­fu­se Gestalt des Post-Covid-Inter­regn­ums zu wer­fen, in das wir mitt­ler­wei­le ein­ge­tre­ten sind. Dazu wer­den jüngs­te Ereig­nis­se und Akti­vi­tä­ten der Glo­bal Gover­nan­ce inter­pre­tiert und es wird laut über die­se selt­sa­me Zwi­schen­zeit – mit der »alten Nor­ma­li­tät« im Rück­spie­gel und der »neu­en Nor­ma­li­tät« vor uns? – nach­ge­dacht. Das gene­rel­le Pro­blem dabei: Die Phä­no­me­ne müs­sen hin­ter den mas­sen­me­dia­len Schlei­ern zunächst her­vor­ge­holt, sicht­bar gemacht und in ihrer Bedeu­tung für uns und die Über­gangs­zeit, in der wir uns befin­den, erst ein­mal fixiert wer­den. Nur dann las­sen sich Ver­ständ­nis­zu­gän­ge für das frei­le­gen, was hin­ter dem beschla­ge­nen Glas, das zwi­schen uns und die Ereig­nis­se gescho­ben wur­de, tat­säch­lich vor sich geht. Daher ver­steht sich der Text auch als eine Übung in der Kunst des poli­ti­schen Sehens und Zei­gens, des Zei­gens einer genau­er (an-)gesehenen Rea­li­tät und des (für) Wahr-Genom­me­nen in den poli­ti­schen Pro­zes­sen. Er setzt die (media­len) Schat­ten nicht mit der Rea­li­tät gleich und sieht das Dif­fu­se der Lage nicht ein­fach für gege­ben an. Damit knüpft er an Tra­di­tio­nen der Auf­klä­rung an. Die­se dro­hen in unse­rem durch Can­cel-Cul­tu­re und poli­ti­sche Denk-und Sprech­ver­bo­te domi­nier­ten Zeit­geist ohne­hin ver­schüt­tet zu gehen. Nicht grund­los wur­den die Auf­klä­rung und das auf­klä­re­ri­sche Den­ken, mit dem einst die bür­ger­lich-libe­ra­le Eman­zi­pa­ti­on von stän­di­scher, hete­ro­no­mer Macht begann, stark von der Licht­me­ta­pho­rik geprägt.

Mit dem Licht sind in auf­klä­re­ri­scher Tra­di­ti­on die Ver­nunft und die wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis gemeint: Die­ses Licht leuch­tet die Ver­hält­nis­se und Bedingt­hei­ten aus, von denen die Men­schen in Abhän­gig­keit und Unfrei­heit gehal­ten wer­den. Ohne das Wis­sen um die­se Abhän­gig­kei­ten kön­nen wir uns nicht aus ihnen befrei­en. Das gibt uns gleich­sam den Weg vom Dun­kel ins Licht vor, den wir damit auf uns neh­men müs­sen. »Auf uns neh­men« müs­sen wir ihn, weil er kein gera­der und beque­mer Weg ist. Er bedeu­tet kei­nen Spa­zier­gang, son­dern ist müh­sam und beschwer­lich. Dafür winkt als Lohn das, was Aldous Hux­ley als das »edels­te Ver­gnü­gen« bezeich­net hat: »Die Freu­de am Ver­ständ­nis«. Zuvor aber gibt es vie­le Hin­der­nis­se zu über­win­den und vie­le Umwe­ge müs­sen gemacht wer­den. Denn der Weg zur Weis­heit kennt kei­ne Abkür­zun­gen. Das alles kos­tet viel Kraft und Anstren­gung. Sich selbst auf­zu­klä­ren ver­langt uns eine Men­ge ab. Die Auf­klä­rung pos­tu­liert, dass Wis­sen eine Hol­schuld ist – wir müs­sen uns auf den Weg machen zu ihm, es kommt nicht (wie) von selbst zu uns. So for­dert Kant: »Habe Mut Dich Dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen!« Und mit die­sem Auf­ruf mün­det die For­de­rung zum Sel­ber-Den­ken in eine Defi­ni­ti­on von Auf­klä­rung als immer­wäh­ren­de Auf­ga­be (10):

Aufklärung ist sprach­lich gese­hen eine Meta­pher des Lichts: Wo Dun­kel herrscht, soll Licht wer­den, aber nicht ein­fach das Licht eines Tages, dem die Nacht – neu­es Dun­kel – folgt, son­dern dau­er­haf­tes Licht, das in sei­ner Hel­lig­keit zunimmt und doch nicht blen­det. (…) Soll (…) ›Aufklärung‹ als fort­schrei­ten­der Pro­zess der Bil­dung ver­stan­den wer­den, dann muss das Licht zuneh­men, also die Hel­lig­keit sich vergrößern, ohne eine Sättigungsgrenze beach­ten zu müssen. (…) Die Überwindung von Igno­ranz und in die­sem Sin­ne die Erleuch­tung des Den­kens kann wie ein fort­schrei­ten­der, unbe­grenz­ter Pro­zess vor­ge­stellt wer­den, der kei­ne natürlichen Schran­ken wie die von Tag und Nacht oder von Hel­lig­keit und Dun­kel­heit beach­ten muss. Der Ver­stand kann nur dann aufgeklärt wer­den, wenn Unwis­sen­heit vor­aus­ge­setzt wird, und das ist immer möglich. Der Pro­zess wäre ohne eige­ne Gren­zen, weil er mit jeder neu­en Genera­ti­on neu begin­nen und zugleich unend­li­chen Zuwachs behaup­ten kann. Die ›Aufklärung‹ des Ver­stan­des und der Gebrauch der Ver­nunft wer­den so zu Dau­er­auf­ga­ben, mit der sich Pos­tu­la­te der Bil­dung und Erzie­hung ver­bin­den lassen.

Der vor­lie­gen­de Text wur­de in der Hoff­nung ver­fasst, dass er als ein klei­ner Mosa­ik­stein dabei mit­hel­fen möge, eini­gen Umris­sen und Signa­tu­ren unse­rer »Zwi­schen­zeit« eine deut­li­che­re Kon­tur zu geben. Dadurch soll sie sicht­ba­rer und erkenn­bar gemacht wer­den, an wel­chem Punkt wir ste­hen (11). Es scheint cha­rak­te­ris­tisch für die »Zwi­schen­zeit« oder das »Inter­re­gnum« zu sein, dass die Din­ge auf beson­ders star­ke Wei­se Ver­än­de­run­gen unter­lie­gen bzw. Ver­än­de­run­gen aus­ge­setzt sind. Wir erle­ben, um mit Alex­an­der Klu­ge zu spre­chen, einen »Angriff der Gegen­wart auf die übri­ge Zeit«. Die ein­ge­schlif­fe­nen Rou­ti­nen unse­rer Welt- und Selbst­ver­hält­nis­se ste­hen zur Dis­po­si­ti­on. Auch unse­re Zukunfts­er­war­tun­gen wer­den nach­hal­tig von die­sem Beben und sei­nen Nach­be­ben erfasst. »Ohne die Vor­ge­schich­te, die Zukunft und vor allem den Mög­lich­keits­sinn gibt es aber kei­ne Rea­li­tät.« (12) Die Ver­än­de­run­gen befin­den sich aber noch im geburts­ar­ti­gen, mag­ma-ähn­li­chen Zustand, d.h. sie sind weder poli­tisch noch gesell­schaft­lich oder gar kul­tu­rell schon so erhär­tet, dass sie bereits einen neu­en, fes­ten Refe­renz­rah­men für unser Den­ken und Spre­chen aus­bil­den konn­ten. Mit einem Wort: Die Welt steht am Scheideweg.

Par­tout soll­ten die auf die­se Gär­pro­zes­se (und es gärt der­zeit gewal­tig in der Welt!) per­ma­nent ein­wir­ken­den poli­ti­schen und media­len Fil­ter nicht über­se­hen wer­den, da genau sie es sind, die die­ses Sicht­bar­ma­chen der hier sich ankün­di­gen­den Ereig­nis­se – neben den von Kant schon genann­ten Hin­de­rungs­grün­den (13) – für uns ein­schrän­ken. An sich ist das kei­ne neue medi­enso­zio­lo­gi­sche Lek­ti­on, aber die Coro­na-Zeit hat die Not­wen­dig­keit nach­fol­gen­de Unter­schei­dung als Bewusst­seins­leis­tung zu voll­brin­gen, um der Mani­pu­lie­rung zu ent­ge­hen, noch ein­mal dick unter­stri­chen: Wir müs­sen davon aus­ge­hen, dass die poli­ti­schen und mas­sen­me­dia­len Fil­ter so ein­ge­rich­tet sind und wir­ken, dass bestimm­te Sich­ten auf die Wirk­lich­keit von vor­ne­her­ein aus­ge­schlos­sen bzw. nicht zuge­las­sen werden.

III Der politische Transformationsprozess von der Global Governance zur transhumanistischen Global Corporate

Um eine bes­se­re Vor­stel­lung vom Agie­ren der Glo­bal Gover­nan­ce zu erhal­ten, erscheint es sinn­voll, sich zunächst die Typo­lo­gie des herr­schen­den Gover­nan­ce-Kon­zep­tes genau­er vor Augen zu führen:

Der bri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler R.A.W. Rho­des hat dafür den Aus­druck ›Regie­ren ohne Regie­rung‹ geprägt. Das ist eine gute Kurz­for­mel für Gover­nan­ce. Dort, wo es Regie­run­gen gibt, dient Gover­nan­ce dazu, deren Macht aus­zu­höh­len und zurück­zu­drän­gen, durch schein­bar koope­ra­ti­ves Len­ken in öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten zum Bei­spiel. Dort, wo es kei­ne eta­blier­te zen­tra­le Regie­rung gibt, wie auf glo­ba­ler Ebe­ne, ist Glo­bal Gover­nan­ce her­vor­ra­gend geeig­net, Len­kung ohne Ver­ant­wor­tung und frei von Kon­trol­le zu ermög­li­chen. (14)

Glo­bal Gover­nan­ce im Design des WEF und sei­ner zahl­rei­chen Satel­li­ten und Relais­sta­tio­nen, infil­triert dem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis nach die poli­ti­schen Sphä­ren und Struk­tu­ren der Natio­nal­staa­ten »durch schein­bar koope­ra­ti­ves Len­ken in öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten« (s.o) auf völ­lig legi­ti­me Wei­se, um sie mit den natio­na­len Regie­rungs­ma­schi­nen zu ver­net­zen und zu syn­chro­ni­sie­ren, so dass eine Akku­mu­la­ti­on von Macht durch eine Ver­la­ge­rung in ein neu­es, im Grun­de »ort­lo­ses«, nicht sicht­ba­res – jeden­falls außer­halb des Zugriffs durch den demo­kra­ti­schen Sou­ve­rän befind­li­ches – Zen­trum erfolgt. Infil­trie­rung, Aus­höh­lung, Ver­net­zung, Syn­chro­ni­sie­rung (Gleich­schal­tung) und Akku­mu­lie­rung die­nen dabei ein- und dem­sel­ben Zweck: Da die Kri­se des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems sich extrem zuspitzt, muss das Sys­tem zum gro­ßen Befrei­ungs­schlag aus­ho­len. Das erscheint nötig, damit die Kapi­tal­eig­ner der Zer­stö­rung ent­ge­hen bzw. selbst noch aus dem bevor­ste­hen­den Crash den größt­mög­li­chen Nut­zen zie­hen können.

Inter­es­san­ter­wei­se hat Aldous Hux­ley, Autor der lite­ra­ri­schen Dys­to­pie Bra­ve New World (Schö­ne Neue Welt, 1932) die Ent­wick­lung , die zur Auf­lö­sung der huma­nen, demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Sub­stanz in den west­li­chen Demo­kra­tien füh­ren wird, schon in den 50er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts äußerst genau pro­gnos­ti­ziert. Mit­tels der Metho­den von Pro­pa­gan­da und »Gehirn­ma­ni­pu­la­ti­on«, so Hux­ley in sei­nem ein gutes Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Jahr­hun­der­t­ro­man erschie­ne­nen Essay-Band Bra­ve New World Revi­si­ted (Wie­der­se­hen mit der schö­nen Neu­en Welt, 1958), wer­den die Demo­kra­tien ihr Wesen ver­än­dern und den Weg einer »neu­en Art von gewalt­lo­sem Tota­li­ta­ris­mus« beschrei­ten. Die­ser Tota­li­ta­ris­mus wird die Ent­ker­nung und Aus­höh­lung aller »tra­di­tio­nel­len Namen« und »gehei­lig­ten Losungs­wor­ten« der Demo­kra­tie mit sich brin­gen. Sie schei­nen an der Ober­flä­che zwar dann noch die­sel­ben zu sein, tat­säch­lich wur­de ihnen aber unter dem fal­schen Glanz die­ser dys­to­pi­schen Zukunft längst eine ganz ande­re, »zuin­nerst«, wie Hux­ley for­mu­liert, »illi­be­ra­le« Bedeu­tung gege­ben. (15) Die­se Ent­ker­nung und Tra­ves­tie der Demo­kra­tie und ihrer Begrif­fe ist das Ergeb­nis des Neo­li­be­ra­lis­mus und des Transhumanismus.

An ande­rer Stel­le habe ich den Hand­lungs­im­puls der Kräf­te, die inzwi­schen jen­seits der Kon­trol­le durch Natio­nal­staa­ten in Form »eines Regie­rens ohne Regie­rung« agie­ren und die größ­te (infor­mel­le) Welt­macht dar­stel­len, die es in der Geschich­te je gege­ben hat, so beschrieben:

Des­halb sucht es (das Groß­ka­pi­tal, Anm. B.S.) Zuflucht und Ret­tung im Kor­po­ra­tis­mus, in der Ver­schmel­zung von Kapi­tal- und Staatsinteressen.

Nicht zu Unrecht wird auf Par­al­le­len zum Faschis­mus und sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te im Zusam­men­hang mit dem aktu­el­len Ver­such hin­ge­wie­sen, ein kor­po­ra­tis­ti­sches Empower­ment auf glo­ba­ler Büh­ne errei­chen zu kön­nen. Da die Olig­ar­chen von Davos dem libe­ral-kor­po­ra­tis­ti­schen Modell (der als Ver­bän­de­staat und Sozi­al­part­ner­schaft lan­ge aus­glei­chen­de und sys­tem­sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kun­gen, beson­ders in Deutsch­land und Öster­reich, zei­tig­te) nicht mehr zutrau­en, die Pro­ble­me aus den ver­schärf­ten Sys­tem­wi­der­sprü­chen bewäl­ti­gen zu kön­nen, steu­ern sie in Rich­tung eines auto­ri­tä­ren Kor­po­ra­tis­mus um. Denn der sich wech­sel­sei­tig befeu­ern­de Teu­fels­kreis aus Über­ak­ku­mu­la­ti­on, Null­zins­po­li­tik, Über­schul­dung und Bla­sen­bil­dung kann mit sys­tem­im­ma­nen­ten Mit­teln nicht durch­bro­chen wer­den. (16)

Die Autorin Julia Weiss hat in einem sehr lesens­wer­ten Auf­satz auf den Sei­ten des Mul­ti­po­lar-Maga­zins mit dem Titel »Die Abschaf­fung der See­le« dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Begriff des Transhumanismus

irre­füh­ren­der­wei­se sug­ge­riert, dass das damit bezeich­ne­te Vor­ha­ben noch irgend­et­was mit ‘human’, Huma­ni­tät oder Huma­nis­mus zu tun hat; das hat es nicht. Zutref­fen­der wäre es, vom Anti­hu­ma­nis­mus zu spre­chen – denn das trans­hu­ma­nis­ti­sche Anlie­gen läuft dar­auf hin­aus alle Leben­dig­keit über­haupt abzu­schaf­fen. (17)

Weiss‘ Ver­dienst ist es, den tota­li­tä­ren Cha­rak­ter des Trans­hu­ma­nis­mus, so wie er aus der Pro­pa­gan­da und Pro­gram­ma­tik des World Eco­no­mic Forums spricht, mit Rekurs auf Han­nah Arendts berühm­tes Werk »Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft«, her­aus­ge­ar­bei­tet zu haben. Zwei Pas­sa­gen sind für die Cha­rak­te­ri­sie­rung des Trans­hu­ma­nis­mus als einer, Han­nah Arendt zufol­ge, zutiefst tota­li­tä­ren Ideo­lo­gie m. E. beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig und sei­en daher hier zitiert:

Das eigent­li­che Ziel tota­li­tä­rer Ideo­lo­gie ist nicht die Umfor­mung der äuße­ren Bedin­gun­gen mensch­li­cher Exis­tenz und nicht die revo­lu­tio­nä­re Neu­ord­nung der gesell­schaft­li­chen Ord­nung, son­dern die Trans­for­ma­ti­on der mensch­li­chen Natur selbst, die, so wie sie ist, sich dau­ernd dem tota­li­tä­ren Pro­zess ent­ge­gen­stellt. … Was in der tota­len Herr­schaft auf dem Spie­le steht, ist wirk­lich das Wesen des Men­schen. (18)

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