Pazifismus als hohle Phrase

Von Ped

Apr 18, 2022 MDR, Ostermarsch, Pazifismus, Solidarität

Ostermarsch 2022 in Dresden — Skript einer Rede, gehalten vor dem MDR-Sitz in Dresden.


Wir leben in einer Zeit, in der von den Herrschenden Worte ihres Sinnes beraubt, ja umgedreht und so die Menschen manipuliert werden. In der Krieg zu Frieden umgedeutet wird. Die in Deutschland herrschende Politik lebt das: Von Frieden reden und Kriege befeuern. Dabei wird sie ganz offensichtlich von stromlinienförmigen Massenmedien sekundiert.


Reden wir von zwei Begriffen: Solidarität und Pazifismus, hierzu ein Zitat von Robert Habeck von der olivgrünen Partei:

„Pazifismus ist im Moment ein ferner Traum.“

Das passt, denn diese Sicht hatten die Grünen bereits vor 23 Jahren, als man meinte, man dürfte Jugoslawien in den Frieden bombardieren.

Pazifismus war auch in Libyen (frei nach Habeck) „ein ferner Traum“, auch in Syrien oder im Irak, oder in Afghanistan. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an Vietnam, Laos und Kambodscha.

Vergessen wir nicht, dass all diese (nach Habeck) „fernen Träume von Pazifismus“ mit Kriegen zusammenhingen, welche die westliche Wertegemeinschaft fern ihrer Grenzen lostrat.

Die westlichen Staatsführer, die diese Kriege mitzuverantworten hatten, erfuhren übrigens keine Sanktionierung. Ihre politischen Institutionen wurden ebenso wenig sanktioniert, wie die Wirtschaft ihrer Staaten. Hat es eigentlich jemals eine ehrliche Aufarbeitung dieser Völkerrechtsverbrechen gegeben? Warum nicht?

Warum spielt das Völkerrecht, wenn es sich um russische Belange handelt, solch eine bedeutende Rolle in der etablierten Politik? So es diese doch einen Dreck interessierte, wenn es um die vorher genannten Kriege ging?

Weil es hier nicht um Frieden geht, sondern um die Rechtfertigung der „notwendigen“ Kriege. „Notwendiger Kriege“ der westlichen Wertegemeinschaft, um „Schlimmeres“ zu verhindern.

Wer wollte eigentlich den Krieg in der Ukraine wirklich und warum? Gibt es eine deutsche Verantwortung für diesen Konflikt?


Es gibt Leute, die immer Vorwände finden werden, um Kriege zu rechtfertigen.

Weil sie sich solidarisieren.

Ich erinnere daran, dass der Ukraine-Krieg in der politischen und medialen Öffentlichkeit hierzulande ähnlich wie der Krieg gegen das Virus geführt wird.

Vehement werden die Menschen aufgefordert, Stellung zu beziehen, wobei die Massenmedien eine überragende Rolle spielen.

„Stellung beziehen“ ist der Sprache des Krieges entlehnt. „Stellung beziehen“ umschreibt eine Ultima Ratio, die es verbietet, sich mit der anderen Seite zu verständigen.

Jene die sagen „Pazifismus ist ein ferner Traum“ (siehe Habeck), für die war Pazifismus schon immer ein ferner Traum. Diese Leute haben kein Ausstiegskonzept aus einem Krieg. Sie sind nicht friedensfähig.

Solidarisierung ist ein schön klingendes Wort und es hat auch seinen Wert. Sich jedoch im Krieg zu solidarisieren, heißt Bündnisse mit Kriegsparteien einzugehen, um an deren Krieg teilzunehmen. Das ist nur möglich, wenn man eins ist mit dem Krieger „seiner Seite“. Der Krieg an der Seite des Verbündeten wird zum eigenen Krieg. Jeder Krieg, auch in den Medien — und dort unter der Fahne der Solidarität geführt — ist eine sehr persönliche Entscheidung jedes einzelnen Verantwortlichen.

Aus der Sicht eines echten Pazifismus, innerhalb einer wahrhaftigen Friedensbewegung ist es für uns in Deutschland nicht entscheidend zu bewerten, was die beiden direkt involvierten Konfliktparteien, also die Ukraine und Russland vor Ort tun. Warum und wie sie es tun. Man sollte natürlich ehrlich darum ringen, die Parteien zu verstehen.

Es ist auch nicht von entscheidender Bedeutung, zu bewerten, wer von diesen einen gerechten und wer einen ungerechten Krieg führt.

Hier in Deutschland ist von entscheidender Bedeutung, wie WIR mit diesem Krieg umgehen. Welche Mittel wir anwenden, um unseren Anteil für die Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen zu leisten.

Solidarisierung für Menschen in Kriegsgebieten, für Zivilisten, einfache Menschen ist etwas anderes als Solidarisierung für Kriegsparteien.

Wie steht es mit der Solidarisierung mit einfachen Menschen im Jemen, in Syrien, dem Irak, Libyen, vielen afrikanischen Staaten, Venezuelas, Nordkoreas — den russisch sprechenden ukrainischen Staatsbürgern, den einfachen Menschen im Osten der Ukraine?

Wo kommt plötzlich der Solidaritätsgedanke innerhalb der zu veröffentlichenden Meinung her?

Er wurde schon bei Corona für vermeintlich „höhere Zwecke“, aber letztlich für die Durchsetzung anderer Interessen missbraucht. Menschen wurden und werden in ihrem tief verankerten solidarischen Wesen vereinnahmt, um sie für Kriege zu benutzen.

Die deutsche Politik solidarisiert sich — aus welchen Gründen auch immer — hemmungslos für eine Kriegspartei.

Das ist keine Friedenspolitik.

Friedenspolitik deeskaliert, verständigt, moderiert. Friedenspolitik versucht zu verstehen. Friedenspolitik engt nicht den Horizont ein. Friedenspolitik verurteilt nicht. Sie sucht die Möglichkeiten von Friedenswahrung und Friedensschaffung im eigenen Handeln.

100 Milliarden Euro Extra-Bonus der deutschen Regierung für Rüstungskonzerne — um nichts anderes handelt es sich nämlich bei diesem Geld — schaffen keinen Frieden. Sie befeuern den Krieg.

Die deutsche Regierung heizt in vollem Bewusstsein dessen, was sie tut, den Ukraine-Krieg an. Sie liefert Waffen in ein Kriegsgebiet. Gleichzeitig sanktioniert sie einen der Kriegsteilnehmer. Sie vertieft die Gräben. Sie verlängert und eskaliert die kriegerischen Auseinandersetzungen. Mehr noch ist sie als NATO-Mitglied aktiver Kriegsteilnehmer. Damit befeuert sie das Leiden der Menschen in der Ukraine. Das ist Bündnistreue eines Vasallen, aber keine Solidarität.

Wirklich unabhängige öffentlich-rechtliche Medien sind in der Lage, die Politik kritisch zu begleiten. Im gegebenen Falle in erster Linie nicht die der Ukraine, auch nicht der russischen. In erster Linie ist es ihre Aufgabe, das Handeln der Politik des eigenen Landes kritisch zu beäugen. Als solche besteht ihr Auftrag in der Sicherung der laut Verfassung unantastbaren demokratischen Ordnung. Und die schließt Friedenspolitik zwingend ein.

Dass dies tatsächlich von unseren Öffentlich-Rechtlichen, einschließlich dem MDR gelebt wird, davon kann aus meiner Sicht keine Rede sein.

Daher meine konkrete Motivation an die Verantwortlichen dieser Sender:

Entsolidarisieren Sie sich mit politischen Entscheidungsträgern, die den Kriegern die Hand reichen. Entlarven Sie deren Propaganda und verbreiten diese nicht einfach weiter. Solidarisieren Sie sich wahrhaftig. Dies gelingt Ihnen nur, wenn Sie die Menschen NICHT einer „guten“ oder „schlechten“ Seite zuordnen. Deeskalieren, differenzieren, moderieren und vermitteln Sie. Verzichten Sie auch auf Kriegsberichterstattung, die sich auf emotionale, wertende Zitate eines Lagers konzentriert. Auch das ist Propaganda.

Werden Sie ein echtes Friedensmedium. Werden Sie Ihrem Auftrag gerecht.

Danke für Euer aller Aufmerksamkeit.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen — insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors — kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(Allgemein) Diese Rede wurde am 18. April 2022 vor dem Dresdner MDR-Sitz gehalten.

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