Die Ziele der Einen im Spiegel der Anderen

Von Ped

Apr 9, 2022 Franz-Stefan Gady, Neonazis, Ukraine-Krieg

Russland hat seine Ziele in der Ukraine nicht erreicht — sagt wer?


Denn von wessen Zielen reden wir hier wirklich? Oder anders gefragt: Wer definiert welche Ziele für wen? Die Ukraine-Berichterstattung ist auch eine Projektion der selbst gelebten Ideologien.


Vorwort

Was in diesem Artikel eigentlich keinen bedeutenden Platz finden möchte, ist Empörung. Andererseits können wir das Thema Ideologien und damit auch Emotionen nicht ausgrenzen. Denn davon lebt(e) unter anderem:

  • der Kampf (Krieg) in Form „humanitärer Interventionen“,
  • „der Kampf (Krieg) gegen den internationalen Terrorismus“,
  • „der Kampf (Krieg) gegen das Virus“,
  • „der Kampf (Krieg) gegen den russischen Aggressor“.

Dieser Kampf sieht übrigens auf „der guten Seite“ ganz erstaunlicherweise immer die gleichen Akteure, gern als „internationale Gemeinschaft“ oder „Weltgemeinschaft“ oder — und damit etwas wahrheitsnäher ausgedrückt — die „westliche Wertegemeinschaft“. Der Kampf steht (siehe oben) immer links, also zuerst. Das Ich steht im Mittelpunkt. Das Ich, dass die mit dem Ego verschmolzenen Interessen in sich vereint. Was nicht mit dem Ich „kooperiert“, kann nicht akzeptiert werden und ist daher „böse“. So schlicht funktioniert Schwarz-Weiß-Denken.

Egomanen haben nicht nur kein Verständnis für das Denken und Handeln aller (!) Andersdenkenden. Sie verweigern sich den fremden, ängstigenden, verunsichernden Perspektiven. Sie fühlen sich nur im eigenen Kosmos wohl und nur dieser kann gelten, denn dessen Verlust setzen sie mit der Aufgabe des eigenen Ichs gleich. In solch einer Verfasstheit ist es doch aber unmöglich, eine Einsicht in das Handeln der Anderen zu bekommen. Alles was man sieht, wird man der eigenen Denke und den eigenen Erwartungen anpassen.

Es geht also um die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen.

Befasst man sich mit dem Krieg in der Ukraine, um die Fragen nach den Ursachen, dem Verlauf sowie Erfolgen oder Misserfolgen zu beantworten, dann spiegelt die jeweilige Sicht immer auch die eigenen Erwartungen, Überzeugungen und Ideologien wider. Es ist nun einmal so, dass Objektivität ein Ideal ist, dass sich nur in den seltensten Fällen in seiner ganzen Reinheit leben lässt.

Erfolg und Misserfolg misst sich vor allem an den Erwartungen. Sind diese Erwartungen ideologisch geprägt, dann müssen die Ergebnisse mit den eigenen Erwartungen in gewisser Weise harmonieren.

Ideologien benötigen Feindbilder. Eigene Erwartungenn implizieren in Ideologien, dass der Gegner schwach geredet wird.

Motive

Was also bezweckte Russland mit seiner Intervention in der Ukraine? Dessen Regierung hat gegenüber der Weltöffentlichkeit die Ziele, hier sehr allgemein gehalten, folgendermaßen definiert:

  1. Schutz der russischen Ethnie im Donbas und der Lugansker Region, Beendigung des (inzwischen acht Jahre währenden) Krieges gegen diese Regionen (nun Republiken) (1),
  2. kein weiteres Heranrücken der NATO an die russischen Grenzen, Abzug aller NATO-Kräfte aus der Ukraine, Sicherung des atomwaffenfreien Status der Ukraine, Herbeiführung eines neutralen, nicht paktgebundenen Status der Ukraine (2),
  3. Entnazifizierung der Ukraine (3)

Die russische Führung hat vor dem Februar des Jahres 2022 über Monate hinweg die roten Linien definiert, ab denen sie dem Treiben in der Ukraine nicht mehr tatenlos zusehen würde. Die fortschreitende NATO-Integration und die wachsenden aggressiven Ausfälle Selenskyjis ließen eine Reaktion erwarten, forderten diese geradezu heraus (4).

Russland hat, um dies zu erreichen, seine Methoden geändert und am 24. Februar 2022 eine „militärische Sonderoperation“ in der Ukraine begonnen. Mit dieser soll(te) das militärische Potenzial der ukrainischen Armee radikal reduziert werden. Insbesondere deren Fähigkeit, eine umfassende Offensivoperation gegen die neu gegründeten Republiken an der Grenze Russlands führen zu können.

Was Russland erklärtermaßen nicht anstrebt, wiederholte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa ein weiteres Mal am 17. März des Jahres:

„Ich möchte nochmal betonen, was weder westliche Medien noch das westliche Establishment sehen wollen — die Sonderoperation ist nicht gegen die friedliche Bevölkerung der Ukraine gerichtet, verfolgt nicht das Ziel, das Territorium des Landes zu übernehmen, ihre Staatlichkeit zu zerstören, den amtierenden Präsidenten zu stürzen.“ (5)

Die oben genannten sind strategische Ziele und der aufgenommene heiße Krieg Russlands in der Ukraine ist die Änderung im strategischen Handeln. Innerhalb dieser Strategie und zur Erreichung derer Ziele hat man sich wiederum operative Ziele gesetzt:

  1. Binden der Hauptkräfte der ukrainischen Armee im Süden und Osten des Landes, dort wo die Krim beziehungsweise die beiden neu gegründeten Republiken (Lugansk und Donezk) angrenzen; insbesondere Zerschlagung der Offensivfähigkeiten des ukrainischen Militärs,
  2. Binden der Kräfte in der Nähe der Hauptstadt, um diesen die Möglichkeit zu nehmen, das ukrainische Militär im Osten zu verstärken,
  3. Einnahme der Stadt Mariopol, da die dort stationierten nationalistischen Bataillone eine latente Gefahr für die neuen, angrenzenden Republiken darstellen würden,
  4. Schwächung der militärischen Infrastruktur der Ukraine, Herstellung mindestens der Lufthoheit, wenn nicht gar Luftherrschaft, um die Offensivkraft des Gegners herunterzuschrauben.

Es stellt sich eine Frage: War dieser Krieg seitens Russlands langfristig geplant oder eher mit „heißer Nadel gestrickt“?

Der Autor meint, dass Letzteres zutrifft. Man wurde zunehmend nervös, als nicht nur die Artillerie- und Raketenangriffe auf die „Separatistengebiete“ in Größenordnungen zunahmen. Auch weil die halbe ukrainische Armee an der Grenze dieser Gebiete sowie zur Krim hin konzentriert wurde. Der „Countdown für die De-Okkupation der Krim“ war bereits im Sommer vergangenen Jahres von der ukrainischen Führung eingeläutet worden (6). Dass dies auf einen Krieg hinauslaufen würde, muss wohl nicht weiter erläutert werden.

Aber auch deshalb, weil die Ukraine in zunehmendem Maße von westlichen Staaten mit Waffen vollgestopft wurde, man nationalistische Kampfverbände des rechten Sektors aufrüstete (7) und sich tausende Militärs der NATO im Land tummelten. Obwohl die Ukraine der NATO nicht angehört. Mit Waffen aus NATO-Staaten wurden gleichzeitig NATO-Strukturen in der Ukraine geschaffen (8 bis 10).

Erst recht schrillten die Alarmglocken, als der ukrainische Präsident Selensky während der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz offen damit drohte, aus dem Budapester Moratorium auszusteigen. Jeder weiß, dass an diese Vereinbarung der kernwaffenfreie Status der Ukraine gebunden ist.

Trotzdem sieht man sehr deutlich ein Konzept.

Entsprechen die Operationen der russischen Armee den oben genannten drei strategischen Zielen? Ja, das tun sie. Und weil sie es tun, erscheinen diese deklarierten Ziele auch glaubwürdig.

Nach vier Tage des Ukraine-Krieges sah die militärische Situation im zweitgrößten europäischen Land so aus (b1):

Diese Karte, wie gesagt vier Tage nach Ausbruch der offenen, bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine erstellt, kann uns einiges erzählen. Was sie nicht erzählt, ist die eines ruhmreichen Eroberungsfeldzuges. Weil das auch nicht das Ziel der Gesamtoperation ist.

Was sich nach drei Tagen herausschälte, waren fünf Teiloperationen, von denen jedoch nur drei auf der Karte sichtbar werden. Eine dieser drei umfasst den Südosten der Ukraine bis hinüber zum Donbas, einschließlich der aus mehreren Gründen strategisch wichtigen Großstadt Mariupol. Die Zweite erkennt man im Nordosten, bis hin zur Millionenstadt Charkow und die Dritte wird als Stoßkeil aus Weißrussland in Richtung Kiew erkennbar.

Um ein Gefühl für die Größe dieser militärischen Geländegewinne zu bekommen, führe man sich vor Augen, dass die weißrussische Grenze über 100 Kilometer von Kiew entfernt liegt. In vier Tagen hatten russische Einheiten diese Distanz überwunden und standen vor den Toren Kiews. Damals sollen 100.000 militärische Angehörige in die gesamte ukrainische Angriffsoperation eingebunden gewesen sein, in einem Land, dass größer ist, als Deutschland, Österreich, die Schweiz und Tschechien zusammen. Inzwischen hat sich die Personalstärke wohl verdoppelt. In diesem Gebiet, nahe der weißrussischen Grenze liegt übrigens auch das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobil.

Schauen wir uns nun die Situation zwei Wochen später an (b2):

Auch am 14. März waren russische Kräfte nicht in die ukrainische Hauptstadt eingedrungen. Sie versuchten es erst gar nicht.

Warum auch sollten sie das tun?

Die Antwort ist recht einfach: Es diente nicht den strategischen Zielen.

Ähnliches sehen wir im Falle Charkows im Nordosten. Leicht bewaffnete, keinesfalls massierte russische Truppen drangen bereits nach wenigen Tagen in die Stadt ein. Sie liefen in eine Falle. Für den Autor war das ein grober Fehler der russischen Aufklärung. Man hätte wissen müssen, dass nationalistische Bataillone sich in der Stadt verschanzt hatten und damit Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchten (11). Aber die russische Armee hat nachfolgend nie einen ernsthaften, großangelegten Angriff versucht, um Charkow einzunehmen — warum nicht?

Es hätte die selbst deklarierten strategischen Ziele konterkariert.

Anders sieht die Situation in Mariupol an der Küste des Asowschen Meeres aus. Die dort stationierten Militärs wären eine latente Bedrohung für die östlich direkt angrenzende Donbas-Region gewesen und mussten daher aus russischer Sicht ausgeschaltet werden. Etwa 15.000 Kämpfer ukrainischer Streitkräfte und nationalistischer Milizen verschanzten sich dort in bewohnten Gebieten. Sie sind dort seit acht Jahren omnipräsent (12). In einer solchen Situation die Stadt im Sturm zu nehmen, wäre nicht nur mit hohen eigenen Verlusten, sondern auch mit zivilen Opfern verbunden. Also ist die Einnahme der Stadt durch russische Truppen und verbündete Milizen eine mühselige Angelegenheit, eben um Opfer so weit es geht, zu vermeiden.

Bis zum 30. März änderte sich an dieser Situation nicht so viel. Bis auf die Tatsache, dass nunmehr das gesamte ukrainische Gebiet an der russischen Grenze in einer Tiefe von zehn bis einhundert Kilometern unter russischer Kontrolle stand (b3):

Das wurde übrigens in den Medien als Misserfolg betrachtet, die Erlangung der militärischen Kontrolle über ein Gebiet, das größer ist als die ehemalige DDR — und das mit etwa 200.000 Soldaten.

Wer glaubt ernsthaft, dass Russland mit dieser Mannstärke die Ukraine zu besetzen vorhatte? Dass man damit auch noch Kiew einschließen, belagern und sturmreif schießen wollte? So etwas ist militärisch völlig absurd, wird aber Russland von „Experten“ hierzulande ernsthaft als Plan unterstellt (13). Und wenn das Unterstellte nicht eintrifft, dann sind die Russen halt gescheitert?

Hier die dazu passenden Auslassungen der passenden Experten, gereicht vom „Qualitätssender“ ARD:

„Ganz deutlich ist, dass die russischen Truppen die militärischen Ziele, die am Anfang dieses Krieges gesetzt waren, in keiner Weise erreicht haben. Die Idee, die Regierung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu stürzen beziehungsweise einen schnellen Regimewechsel herbeizuführen, war militärisch unrealistisch. Die russische Armee hat über zu viele Achsen angegriffen, die Truppen waren zu zerstreut. Das gesamte Operationskonzept war in den ersten Tagen nur schwer zu verstehen, denn es stand konträr zu ihrer Militärdoktrin.“ (14)

Wo und wann hat die russische Regierung den Sturz der ukrainischen Regierung als Ziel dieser militärischen Operation ausgegeben? Mir ist nichts dergleichen bekannt. Deutsche Massenmedien „verquatschen“ sich übrigens manchmal auch (Hervorhebung durch Autor):

„Ursprünglich hatte Kreml-Chef Wladimir Putin das Ziel ausgegeben, die Ukraine zu »demilitarisieren und zu entnazifizieren«. Von einer Besetzung des Landes hatte er aber nicht gesprochen, was ihm Beobachtern zufolge nun Spielraum für eine Verhandlungslösung geben könnte.“ (15)

Jener, der die zuvor zitierte wie unbelegte Behauptung zur Basis seiner Spekulationen macht(e), also Kausalketten bastelt(e), die auf unbewiesenen Annahmen beruht, ist ein gefragter Mann im Mainstream. Sicher ist es kein Zufall, dass dieser eifrig Zitierte tief im Geflecht der NATO verankert ist (a1). Franz-Stefan Gady ist sozusagen ein Pendant für Christian Drosten — und wird entsprechend herumgereicht.

„Ich [Franz-Stefan Gady] kann mir vorstellen eine Rakete auf den Maidan, um zu signalisieren: »Wir werden kommen, wir schüchtern euch ein und ihr müsst die Stadt verlassen.« Ich glaube, die Russen haben das Interesse, dass so viele Bewohner wie nur möglich Kiew verlassen.“ (16)

Er kann es sich vorstellen, weil es Teil der Doktrin westlicher Kriegsführung ist! Gady ist übrigens tatsächlich im Bereich „doktrinelle Weiterentwicklung“ tätig (17).

Ob er es möchte oder nicht: Er ist nichts weiter als ein Propagandist und damit unfähig, die wahren Ziele Russlands überhaupt nachvollziehen zu können. Das aber muss ein Analyst, für den er sich offenbar hält, können. Er muss in der Lage sein, sich unvoreingenommen in die Sicht der anderen Seite hinein versetzen zu können. Nun, das kann er nicht. Analyse, die außerhalb der eigenen Doktrin angegangen wird, ist weder sein Ding, noch das der ARD-Tagesschau. So, wie die Leute dort offenbar mehr als rar gesät sind, die das Talent und außerdem die Möglichkeit hätten, die Behauptungen des NATO-Propagandisten zu hinterfragen.

Aber wissen Sie, warum noch wir ein Spiegeln sehen?

Nun, man muss sich nur zu erinnern wissen:

  • Milosevic muss weg (Jugoslawien)
  • Hussein muss weg (Irak)
  • Ghadaffi muss weg (Libyen)
  • Assad muss weg (Syrien)
  • Maduro muss weg (Venezuela)
  • und so weiter …

Wer hatte doch seine militärischen, politischen, diplomatischen und propagandistischen Ziele an „er muss weg“ fest gemacht? Putin, Russland? Wohl nicht, dafür sehr wohl Jene, die Russland (Putin) unterstellen, genau wie sie selbst zu ticken.

Und haben wir bei dieser Betrachtung nicht eine wichtige Personalie vergessen?

  • Richtig, denn Janukowitsch (Ukraine) musste ja schließlich auch weg.

Seit jenem Jahr 2014 — und eben nicht erst seit dem Februar 2022 — herrscht übrigens Krieg in der Ukraine.

Was hier außerdem sichtbar wird, sind die Vorstellungen des Westens, wie man erfolgreich Krieg führen müsste (18). An diese Vorstellungen hält sich Russland nicht. Zum Beispiel auch nicht an die Strategie — angelehnt an die Luftkriegsdoktrin von Douhet —, durch immer weiter auf zivile Einrichtungen ausgedehnte Bombardements, den Gegner zu demoralisieren (19, 20).

Rücksichtslose Kriegsführung „der Guten“ hat die Medien hierzulande nie hinter dem Ofen hervor gelockt. Außer wenn es darum ging, so etwas Russland anzuhängen — oder Assad. Das syrische Raqqa, wurde 2017 von US-Bomben vollständig zerstört und dabei Tausende Zivilisten getötet, eindeutig ein Kriegsverbrechen und eines gegen das Völkerrecht noch dazu (21). Bei der „Befreiung“ des irakischen Mossuls im gleichen Jahr starben mindestens 7.000 Zivilisten durch US-Bombardements (22). Russische Truppen kämpfen immerhin nahe ihrer Staatsgrenze. Bomben des „Wertewestens“ fielen und fallen dagegen Tausende Kilometer weit weg.

Empörung möchte ich damit nicht wecken. Das tun Andere, wenn sie sich in Empörung über die russische Kriegführung wälzen. Dass diese Entrüstung verlogen ist, sieht man eben daran, wie die „freie westliche Welt“ seit Generationen Krieg führt — und zwar weitab von ihren eigenen Grenzen.

Weiter oben sprach ich über fünf Operationen, von denen nur drei sichtbar wären: die im Südosten (nördlich der Krim und dann nach Osten Richtung Mariupol), im Nordosten im Großraum Charkow, sowie den Vorstoß auf Kiew. Die ersten beiden Operationen banden wohl die Hälfte der operativen Kräfte der ukrainischen Armee, die dritte zielte auf das Machtzentrum und diente auch als Drohkulisse, um Kiew an den Verhandlungstisch zu zwingen. Bleiben noch zwei Operationen zu klären (a2).

Operation vier ist abhängig von den Operationen südlich und nördlich derselben. Es sind die westlichen Fronten der beiden neu gegründeten Republiken. Auf der anderen Seite befinden sich die größten Truppenmassierungen der ukrainischen Streitkräfte, geschätzt 70.000 Soldaten samt Kampftechnik. Dieses Truppenaufgebot wurde VOR dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine an der Konfliktlinie zu den beiden Republiken stationiert. Mit der Schwächung derer Flanken wird auch diese, im direkten Kampf nur unter großen Verlusten angreifbare Armee verletzbar. Offensiv konnte sie nie wirklich auftreten und das hat wiederum mit der fünften russischen Operation zu tun.

Von Beginn an legte das russische Militär allergrößten Wert auf die Schwächung der militärischen Infrastruktur des Gegners — wohlgemerkt der militärischen und nicht der zivilen Infrastruktur. Also wurden und werden Tag für Tag in der gesamten Ukraine Militärstützpunkte, Waffen- und Munitionsdepots, Ausbildungslager (unter anderem auch für ausländische Kämpfer), Luftabwehrsysteme, Flughäfen und Flugfelder sowie Kommunikationsnetze angegriffen (23).

Russland hatte bereits in den ersten Tagen des Krieges die Lufthoheit, wenn nicht sogar Luftherrschaft über die Ukraine gewonnen. Das brachte den in der Ukraine operierenden russischen Streitkräften, deren Mannstärke unter jener der ukrainischen liegt, operative und taktische Vorteile und entriss den großen ukrainischen Gruppierungen im Südosten des Landes weitgehend die Fähigkeit zu offensiven Handlungen.

Inzwischen droht eine Einkesselung der ukrainischen Truppen im Osten, ein Abschneiden von ihren, eh schon in Mitleidenschaft gezogenen Nachschublinien. Diese Verbände werden derzeit noch nicht frontal und massiv angegriffen, sondern eher „beschäftigt“. Es ist eh nicht Ziel der russischen Armeeführung, diese Gruppierungen zu zerschlagen. Man hat immer gesagt: „Legt die Waffen nieder und geht nach Hause“.

Fazit

Die russische Intervention war keine lang vorher geplante Operation. Russland fühlte sich zu raschem Handeln gezwungen und improvisierte. Entsprechend gab es auch relativ hohe Verluste an Menschen und Material und verschiedene operative und taktische Ziele wurden verfehlt. Gescheitert ist man militärisch deshalb noch lange nicht. Auch wenn das Experten in westlichen Medien gern so darstellen.

Man hat die NATO-Militärs wissen lassen, dass man gut informiert ist über den Zustrom an Söldnern und Waffen in Richtung der Ukraine — und das man dem nicht tatenlos zusehen wird. Deshalb wurden Militärstützpunkte und Ausbildungslager auch im Westen der Ukraine, nahe der polnischen Grenze mit Raketen angegriffen und zerstört, wobei Hunderte ausländische Söldner starben (24, 25).

Zwei strategische Ziele wurden und werden durch die Operationen der russischen Armee bestätigt. Die Sicherung der territorialen Integrität der von Russland anerkannten neuen Republiken Lugansk und Donezk, was den Schutz der dort mehrheitlich russischen Ethnie einschließt, zum Einen. Zum anderen ging es um die Schwächung beziehungsweise Zerstörung der militärischen Offensivfähigkeiten der zunehmend in die NATO-Strukturen eingebundenen ukrainischen Armee. Das ist gelungen.

Der Vorstoß nach Kiew war eine Operation, die vor allem dazu diente, den ukrainischen Truppen eine Konzentration ihrer Kräfte auf den Osten des Landes zu verwehren und die Kiewer Regierung, Militärführung und Geheimdienste in Hektik und Planlosigkeit zu versetzen. Auch das war erfolgreich. Kampfhandlungen in Kiew selbst hat es praktisch nicht gegeben und das war auch nicht gewollt. Die wenigen Raketen, die in Kiew einschlugen, galten dem Sitz des ukrainischen Geheimdienstes, einer Rüstungsfabrik sowie Depots von Waffen und Munition.

Das dritte strategische Ziel, die Zurückdrängung des extremen ukrainischen Nationalismus, teils bewaffent und mit teils faschistoidem Einschlag (26 bis 28) wurde mit der Operation eher konterkariert. Auch wenn man den westlichen Massenmedien immer misstrauen sollte, haben diese bei der Information über die Stimmung in der Ukraine wohl insofern recht, dass eine neue Welle des seit Jahren geschürten Nationalismus (29 bis 34), ein der Hysterie und des Hasses gegen Russen, aber auch andere Ethnien und Andersdenkende durch das Land schwappt.

Selbst wenn eine diplomatische Lösung im aktuellen Konflikt erreicht wird — wovon der Autor ausgeht — wird dieser extreme Nationalismus kaum so bald verschwinden. Die Ukraine ist voller Waffen und Hass. Diejenigen, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der „freien Welt“ heraus kräftig mitwirkten, dass es so weit kommt, werden sich die Hände reiben. Denn es hat den Anschein, dass dieser Nationalismus zu einem Selbstläufer geworden ist.

Der Weg zu einer dauerhaften Versöhnung zwischen der Ukraine und Russland dürfte daher lang und steinig werden.

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen — insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors — kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden. Letzte Aktualisierung: 11. April 2022.

(a1) „Franz-Stefan Gady ist Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies (IISS) in London. Er berät Regierungen und Streitkräfte in Europa und den Vereinigten Staaten zu Themen der Strukturreform, organisatorische, doktrinelle Weiterentwicklung, sowie der Zukunft des Krieges. Vor seiner Tätigkeit am IISS, arbeitete er für das EastWest Institute, the Project on National Security Reform, und die National Defense University. Feldforschung führte ihn mehrmals nach Afghanistan und den Irak, wo er die afghanischen Armee, NATO-Streitkräfte, und kurdischen Milizen in diversen Einsätzen begleitete. Gady ist auch Journalist und Kommentator“ (17i)

(a2) So wie im Falle der PLandemie nimmt sich der Autor das Recht, eigene Überlegungen anzustellen, einschließlich der Möglichkeit, damit fehlzugehen.

(1) 09.11.2020; OSCE, Special Monitoring Mission to Ukraine; Thematic Report: Civilian Casualities in the conflict-affected regions of eastern ukraine (01.01.2017 bis 15.09.2020); https://www.osce.org/files/f/documents/f/b/469734.pdf

(2) 24.02.2022; Anti-Spiegel; Wladimir Putins Rede an die Nation; https://www.anti-spiegel.ru/2022/putins-komplette-rede-an-das-russische-volk-zum-beginn-der-militaeroperation/; Originalquelle: https://kremlin.ru/events/president/news/67843

(3) 03.03.2022; Russisches Außenministerium; Pressekonferenz von Außenamtssprecherin Maria Sacharowa; https://www.mid.ru/en/press_service/spokesman/briefings/1802683/#2;

(4) 07.02.2022; Linke Zeitung; Scott Ritter; In der Ukraine-Krise ist der „heilige“ Artikel 5 der NATO ein Pakt zum Selbstmord; https://linkezeitung.de/2022/02/07/in-der-ukraine-krise-ist-der-heilige-artikel-5-der-nato-ein-pakt-zum-selbstmord/; Übernahme von Russia Today: https://de.rt.com/international/131076-wuerden-waffenlieferungen-der-nato-genuegen-um-ukraine-zu-verteidigen/

(5) 03.03.2022; Russisches Außenministerium; Pressekonferenz von Außenamtssprecherin Maria Sacharowa; https://www.mid.ru/de/foreign_policy/news/1804778/

(6) 23.08.2021; ZDF; Ukraine unterstreicht Anspruch auf die Krim; https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ukraine-krim-selenskyj-100.html

(7) 24.02.2020; Atlantic Council; Anton Shekhovtsov; Why Azov should not be designated a foreign terrorist organization; https://www.atlanticcouncil.org/blogs/ukrainealert/why-azov-should-not-be-designated-a-foreign-terrorist-organization/

(8) 18.03.2022; Guido Grandt; HEINZ G. JAKUBA enthüllt: Wie der ukrainische Botschafter mit Rechtsradikalen „sympathisiert!“; https://www.guidograndt.de/2022/03/18/heinz-g-jakuba-enthuellt-wie-der-ukrainische-botschafter-mit-rechtsradikalen-sympathisiert/

(9) 16.03.2022; nachrichtend, ARD; Helga Schmidt; NATO-Verteidigungsminister: Statt einzugreifen, sollten wir uns bewaffnen; https://nachrichtend.com/nato-verteidigungsminister-statt-einzugreifen-sollten-wir-uns-bewaffnen/

(10) 20.09.2021; ZDF; Ukraine und NATO-Staaten starten Manöver; https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ukraine-nato-militaermanoever-100.html

(11) 27.02.2022; n-tv; Russische Truppen sind in Charkows Zentrum; https://www.n-tv.de/politik/Russische-Truppen-sind-in-Charkiws-Zentrum-article23158888.html

(12) 08.04.2022; Unsere Zeit; Arnold Schölzel; Sie wissen, was ukrainische Nazis tun; https://www.unsere-zeit.de/sie-wissen-was-ukrainische-nazis-tun-167759/

(13) 04.03.2022; ISPK; Wie ist die militärische Lage in der Ukraine einzuschätzen?; https://www.ispk.uni-kiel.de/de/aktuelles/volltexte/wie-ist-die-militaerische-lage-in-der-ukraine-einzuschaetzen

(14) 24.03.2022; ARD-Tagesschau; Interview mit Franz-Stefan Gady; „Eklatante Mängel auf taktischer Ebene“; https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-verlauf-101.html

(15) 28.03.2022; Stuttgarter Zeitung, AFP; Selenskyj dringt auf schnellen Frieden; https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.verhandlungen-zwischen-russland-und-ukraine-selenskyj-dringt-auf-schnellen-frieden.5b8b72be-9020-4fc8-91a0-60d23f62413d.html

(16) 03.03.2022; ZDF; Militärexperte schildert, wie ein Großangriff auf Kiew aussehen könnte; https://www.zdf.de/nachrichten/politik/kiew-militaer-russland-ukraine-krieg-100.html

(17, 17i) AIE; Franz-Stefan Gady; https://www.aies.at/aies/mitarbeiter/gady.php; entnommen: 08.04.2022

(18) 03.03.2022; ISW; Russian Offensive Campaign Assessment; Mason Clark, George Barros, Kateryna Stepanenko; https://www.understandingwar.org/backgrounder/russian-offensive-campaign-assessment-march-3

(19) Peace Research Institute Frankfurt; Berthold Meyer, Peter Schlotter; Die Kosovo-Kriege 1998/1999 — Der Luftkrieg der NATO; https://www.jstor.org/stable/pdf/resrep14597.7.pdf; abgerufen: 05.04.2022

(20) 29.03.2017; taz; Nach Luftangriffen in West-Mossul:US-General geht von Beteiligung aus; https://taz.de/Nach-Luftangriffen-in-West-Mossul/!5396932/

(21) 24.08.2017; Reuters; Civilians under greater threat as Raqqa fight intensifies — Amnesty; https://www.reuters.com/article/uk-mideast-crisis-syria-raqqa/civilians-under-greater-threat-as-raqqa-fight-intensifies-amnesty-idUKKCN1B400B?edition-redirect=uk

(22) 18.07.2017; WSWS; Bill van Auken; Nach der „Befreiung“ Mossuls geht der Horror der US-Belagerung weiter; https://www.wsws.org/de/articles/2017/07/18/irak-j18.html

(23) 10.04.2022; ARD-Tagesschau; Russisches Militär: Weitere Objekte in Ukraine zerstört; https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-sonntag-125.html#Russisches-Militaer-Weitere-Objekte-in-Ukraine-zerstoert

(24) 19.03.2022; Aufstehen-Potsdam; Söldner für Ukraine verliert Illusionen: „Tonnen toter Briten, Pässe zerschnitten, alles im Arsch“; https://www.potsdam-aufstehen.de/2022/03/19/soeldner-fuer-ukraine-verliert-illusionen-tonnen-toter-briten-paesse-zerschnitten-alles-im-arsch/

(25) 13.03.2022; ARD-Tagesschau; Ukraine meldet ersten Angriff nahe Lwiw; https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-evakuierung-mariupol-103.html

(26) 29.04.2021; taz; Bernhard Clasen; Mit SS-Symbolen und Hitlergruß; https://taz.de/Rechtsradikale-in-der-Ukraine/!5769181/

(27) 31.01.2015; Focus; Christoph Kürbel; Kiews braune Helfer; https://www.focus.de/politik/ausland/politik-und-gesellschaft-kiews-braune-helfer_id_4440704.html

(28) 24.02.2022; Blauer Bote; Jens Bernert; Ukrainischer Präsident setzt seit Jahren Nazis ein und vergleich jetzt Russland mit Hitler-Deutschland; http://blauerbote.com/2022/02/24/ukrainischer-praesident-setzt-seit-jahren-nazis-ein-und-vergleicht-jetzt-russland-mit-hitler-deutschland/;

(29) 06.09.2018; Blauer Bote; Jens Bernert; Spiegel: 2500 europäische Nazis kämpfen in der Ukraine – Der Spiegel vergisst zu erwähnen, dass die NATO eng mit den Nazis zusammenarbeitet; http://blauerbote.com/2018/09/06/spiegel-2500-europaeische-nazis-kaempfen-in-der-ukraine-der-spiegel-vergisst-zu-erwaehnen-dass-die-nato-eng-mit-den-nazis-zusammenarbeitet/

(30) 07.02.2015; Tagesanzeiger; Schweizer Neonazis liefern Geld in die Ostukraine; https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Schweizer-Neonazis-liefern-Geld-in-die-Ostukraine/story/13160853

(31) 14.08.2014; Focus; Linda Hinz; Schmutziger Kampf in der Ukraine: Neonazis im Dienst der Regierung; http://www.focus.de/politik/ausland/das-bataillon-asow-schmutziger-kampf-in-der-ukraine-neonazis-im-dienst-der-regierung_id_4058717.html

(32) 10.08.2014; Frankfurter Rundschau; Christian Esch; Neonazis im Häuserkampf; http://www.fr-online.de/ukraine/ukraine-neonazis-im-haeuserkampf,26429068,28083302.html; https://web.archive.org/web/20140815015007/http://www.fr-online.de/ukraine/ukraine-neonazis-im-haeuserkampf,26429068,28083302.html

(33) 25.02.2015; Junge Welt; Roland Zschächner; Söldner und Veteranen; https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/257066.s%C3%B6ldner-und-veteranen.html

(34) 08.09.2014; Die Presse; Christian Ultsch; Die Kriegsverbrechen des Kiew-treuen Aidar-Bataillons; http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/3866833/Die-Kriegsverbrechen-des-Kiewtreuen-AidarBataillons

(b1) Militärische Situation in der Ukraine am 4. Tag des Krieges; Quelle: Southfront; https://southfront.org/military-situation-in-ukraine-on-february-28-2022-map-upadate/

(b2) Ukraine-Krieg, Militärische Lage; 29.03.2022; Quelle: Southfront; https://southfront.org/wp-content/uploads/2022/03/29march2022_Ukraine_map.jpg?x41789

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